Wirtschaftsweise fordern Schließung von Krankenhäusern

Berlin – Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht das Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen. „Die derzeit positive finanzielle Lage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Gesundheitswesen aufgrund des demografischen Wandels und des medizinisch-technischen Fortschritts große finanzielle Belastungen bevorstehen“, schreiben die sogenannten Wirtschaftsweisen in ihrem neuen Jahresgutachten. Es trägt den Titel „Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen“.
Laut dem Gremium bestehen „Indizien für Überkapazitäten im deutschen Gesundheitssystem“. Das zeige sich im internationalen Vergleich beispielsweise an einer hohen Anzahl an Krankenhausbetten je Einwohner und einer vergleichsweise langen Krankenhausaufenthaltsdauer. „Obwohl die dafür vorgehaltenen hohen Kapazitäten in den vergangenen Jahren bereits abgebaut worden sind, gibt es derzeit kein anderes Land in Europa mit so vielen Krankenhausbetten je Einwohner und einer längeren durchschnittlichen Krankenhausaufenthaltsdauer“, heißt es in dem Gutachten. Gleichzeitig sei die Krankenhausstruktur durch viele kleine und wenig spezialisierte Krankenhäuser gekennzeichnet, sodass teilweise Operationen in Krankenhäusern durchgeführt würden, die nicht über die eigentlich dafür erforderliche Ausstattung verfügten. „Solche Indizien deuten in verschiedenen Bereichen auf eine Über- und Fehlversorgung im Gesundheitssystem hin“, so die Autoren. Um dieser Überversorgung zu begegnen, sollten stärker „wettbewerbsfördernde Elemente zum Einsatz kommen“. Dazu gehöre eine „Strukturbereinigung im Krankenhausbereich“.
Außerdem empfehlen die Ökonomen, die Krankenhausfinanzierung vom augenblicklichen dualen auf ein sogenanntes monistisches System umzustellen. Die Investitionskosten würden dann nicht wie bislang von den Ländern, sondern aus den Leistungsvergütungen der Krankenkassen getragen. Wichtig sei außerdem, die weitgehende Trennung von ambulantem und stationärem Sektor abzubauen und die sektorenübergreifende Versorgung zu verbessern, so die Autoren.
Herausforderung Fachkräftemangel
Der Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung dürfte laut den Wirtschaftsweisen den schon heute zu beobachtenden Mangel an qualifizierten Fachkräften im Gesundheitssystem deutlich verstärken. „Bis zum Jahr 2030 könnten im Vergleich zum Jahr 2016 bis zu 1,3 Millionen Fachkräfte in Vollzeit im Gesundheitsbereich fehlen“, schreiben sie. Sie empfehlen, die „wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für eine höhere Beschäftigung in diesem Sektor“ zu verbessern – mehr Geld ins System – und im Ausland aktiv Zuwanderer für den Gesundheitssektor anzuwerben.
Digitalisierung als Chance
Die Digitalisierung kann laut den Ökonomen helfen, den Fachkräftemangel abzufedern. Sie kann zum Beispiel dazu beitragen, die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmern im Gesundheitssystem durch ein verstärktes Zusammenspiel von Mensch und Maschine länger zu erhalten. Zudem könne sie durch eine effektivere Patientensteuerung einer Fehlversorgung entgegenwirken und die Prävention verbessern. „Die Potenziale der Digitalisierung hinsichtlich eines effizienteren Gesundheitswesens sollten jedoch nicht überschätzt werden“, so die Wirtschaftsweisen. Beraten in Hinblick auf Fragestellungen im Gesundheitswesen wurde das Gremium vom IGES-Institut sowie von Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Uni Essen.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: