Politik

SARS-CoV-2: Gesundheitsminister beschließen kostenfreie Tests für alle Urlaubsheimkehrer

  • Freitag, 24. Juli 2020
/picture alliance, Geisler-Fotopress
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Bonn – An den deutschen Flughäfen wird es künftig Teststellen auf SARS-CoV-2 für Rei­se­rück­keh­rer aus Risikogebieten geben. Sie sollen sich dort kostenfrei auf das Virus tes­ten lassen können. Das sagte die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) heute nach Beratungen mit ihren Kollegen aus Bund und Ländern. Auch für Rückkehrer aus Nichtrisikogebieten sollen Coronatests künftig kostenlos sein. Sie sollen allerdings nicht direkt bei der Ein­reise angebo­ten werden.

Im Beschluss der Länder heißt es aber nicht nur, dass die Infrastrukturkosten für die Tes­tungen an den Flughäfen von den Ländern getragen werden. Die Minister bitten die zu­ständigen Länderkollegen darin auch, eine einvernehmliche Finanzierung sicherzustellen. Weiter heißt es: „Perspektivisch“ sollten die Kosten über die Flughafengebühren „mittel­bar auf die Ticketpreise umgelegt werden“.

Kalayci bezeichnete das Risiko, dass durch Urlaubsreisen Infektionen nach Deutschland eingeschleppt würden, als „sehr hoch“. Einige Bundesländer berichteten bereits von stei­genden Fallzahlen, die auf Reiserückkehrer zurückzuführen seien.

Die Senatorin verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass bei der Rückkehr aus einem Risikogebiet nach wie vor eine zweiwöchige Quarantäne vorgeschrieben sei. Bundesge­sundh­eitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte, alle Reiserückkehrer könnten sich künftig binnen drei Tagen nach der Einreise testen lassen.

Nicht nur für Flugreisende aus dem Ausland, sondern auch für den grenzüberschreiten­den Verkehr mit Schiff, Bus und Bahn werden laut Kalayci Aussteigekarten wieder einge­führt. Wer aus einem Risikogebiet nach Deutschland komme, müsse eine solches Formu­lar ausfüllen und abgeben.

Außerdem verständigten sich die Gesundheitsminister demnach darauf, dass „in grenz­nah­en Einreisepunkten“ des Straßenverkehrs „stichprobenartige Kontrollen“ durchgeführt werden. Wenn dabei herauskomme, dass jemand aus einem Coronarisikogebiet komme, werde auf die Quarantänepflicht hingewiesen.

Kalayci betonte, ein Coronatest bei der Rückkehr aus dem Urlaub sei „nur eine Moment­auf­nahme“. Sie gehe davon aus, dass das medizinische Personal bei der Testung darauf hinweise, dass die Untersuchung womöglich nach einigen Tagen wiederholt werden solle.

Bereits im Vorfeld der Entscheidung hatte es zahlreiche Reaktionen auf das Vorhaben ge­geben. Die Landesärztekammer Thüringen hält Tests von Reiserückkehrern bereits an Flughäfen für sinnvoll. „Wohlwissend, dass es sich bei dem Testergebnis nur um eine Momentauf­nahme handelt, kann die Testung aus meiner Sicht ein wichtiger Baustein bei der Verhin­derung weiterer Infektionswellen sein“, erklärte Kammerpräsidentin Ellen Lundershausen.

Dies insbesondere deshalb, weil die Einhaltung der derzeit geltenden Quarantäne für Rückkehrer aus Risikogebieten nicht ausreichend kontrolliert werden könne, wie die Praxis zeige. Zugleich mahnte Lundershausen zu einer konsequenten Einhaltung von Grundregeln in der Urlaubszeit, vor allem zum Tragen von Gesichtsmasken und zum Abstandhalten.

„Wenn man an einen gefährlichen Ort reist und zurückfährt, dann sollte man sich drin­gend testen lassen“, sagte der Virologe Alexander Kekulé dem Hörfunkprogramm Bayern 2. Als „Riesenproblem“ bezeichnete der Virologe Rückreisen per Zug oder Auto, da diese nur schwer nachzuverfolgen seien.

Die Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund, Susanne Johna, sprach sich dafür aus, Rückkehrer aus Risikogebieten noch im Flugzeug zu ihren Kontakten zu befragen. Da ein Test bei der Einreise nur eine begrenzte Sicherheit biete, warb sie im SWR außerdem dafür, dass sich solche Reisende nach der Ankunft generell drei oder vier Tage in Quaran­täne begeben und dann erneut getestet werden.

Auf das Problem von Reisenden, die erst in der Frühphase infiziert sein könnten, wies auch der Leiter des Gesundheitsamts Berlin-Reinickendorf, Patrick Larscheid hin. Als wei­teres praktisches Problem nannte er Reisende mit Umsteigeverbindungen, bei denen die Herkunft aus einem Risikogebiet nicht erkennbar sei. Dagegen habe sich das Instrument der Quarantäne als „sehr wirkungsvoll“ erwiesen, sagte er dem RBB.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv)-Vorstand Klaus Müller sagte der Rheini­schen Post: „Wir halten es für sinnvoll, dass sich alle Reiserückkehrer auf das Coronavirus testen lassen können, wenn sie dies wollen.“ Er setze auf das „Eigeninteresse der Urlau­ber, die wissen, ob sie sich an riskanten Orten aufgehalten haben“. Dies gelte auch für den „Ballermann auf Mallorca“ oder „eine Partymeile in Berlin“.

Müller rief alle Bundesländer auf, Urlaubsrückkehrern kostenlose Tests anzubieten. Die Tests für Reiserückkehrer sollte die Allgemeinheit bezahlen, sagte auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, tagesschau24. Er betonte, er halte es für richtig, Heimkehrer aus Risikogebieten zu testen.

Alle Möglichkeiten, die geeignet seien, einen neuen Shutdown zu verhindern, seien sinn­voll. Auf die Frage, ob es sich bei den Tests nicht nur um eine Momentaufnahme handelt, sagte der BÄK-Chef: „Wir müssen uns davon verabschieden, nur Lösungen anzustreben, die eine 100-prozentige Sicherheit versprechen. Die gibt es nämlich nicht.“

Das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft derzeit rund 130 Staaten als Coronatisikogebiete ein. Darunter sind auch die USA sowie traditionell beliebte Urlaubsländer wie die Türkei oder Ägypten. Keine Risikogebiete sind laut dieser Liste fast alle EU-Staaten sowie einige wei­tere Länder, darunter die Schweiz, Kanada, Australien, Neuseeland, Südkorea, Tunesien und Jordanien.

RKI besorgt

Das RKI zeigte sich heute besorgt über den Anstieg der neu gemeldeten Fälle in den vergangenen Tagen. „Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend und wird vom RKI weiter sehr genau beobachtet“, teilte eine Sprecherin mit. „Eine weitere Verschärfung der Situ­ation muss unbedingt vermieden werden.“

Heute habe habe die Zahl der neu übermittelten Fälle mit 815 deutlich höher als in den Vorwochen gelegen. „Zuvor lag die Zahl bei um die 500 übermittelten Fällen pro Tag, zeitweise auch deutlich darunter“, so die Sprecherin.

Eine Verschärfung der Lage könne nur verhindert werden, wenn sich die gesamte Bevöl­ke­rung weiterhin engagiere. Das RKI appellierte, zum Beispiel die Abstands- und Hygie­neregeln konsequent einzuhalten – auch im Freien. Innenräume sollten gelüftet werden und wo es geboten sei, solle man eine Mund-Nasen-Bedeckung korrekt tragen.

Wie das RKI erklärte, ist der Zuwachs in vielen Bundesländern zu beobachten. Mehr als 60 Prozent der neuen Fälle seien jedoch auf Anstiege in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zurückzuführen.

Bundesweit gebe es viele kleinere „Geschehen“ in verschiedenen Landkreisen: So hätten sich Menschen bei größeren Feiern im Familien- und im Freundeskreis, bei Freizeitaktivi­täten, an Arbeitsplätzen, aber auch in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen an­gesteckt. Hinzu kämen zunehmende Fälle unter Reiserückkehrern, hieß es.

dpa/afp/may

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